Vertrauen ist die Basis für Geschwindigkeit
Die Hannover Messe fand in diesem Jahr vom 20. bis 24. April statt – und präsentierte in Zusammenarbeit mit DSEI Germany erstmals einen eigenen Bereich für Verteidigung und Rüstung: die Defense Production Area.
Auf der Center Stage der Hannover Messe sprach DSEI-Geschäftsführer Bernd Kögel mit Armin Papperger, CEO von Rheinmetall – einer der prägenden Stimmen der europäischen Verteidigungsindustrie. Themen: die globale Aufstellung Europas, die Resilienz der Lieferketten und die Lehren aus dem Ukraine-Krieg. Und die Frage, warum Handschlagqualität zwischen Industrie und Politik heute wichtiger ist als jeder Vertrag.
Kögel: Wir befinden uns hier auf der Hannover Messe, und europäische Zusammenarbeit ist auch hier eines der großen Themen. Die Frage an Sie: Was bedeutet das für die Verteidigungsindustrie – nationale oder gemeinsame europäische Wege?
Papperger: Wir arbeiten mittlerweile sehr europäisch. Wie Sie wissen, hat Rheinmetall in fast jedem europäischen Land ein Werk. Es ist also ein absolutes Muss, dass Europa zusammenarbeitet. Aber es ist auch ein Muss, dass die Länder, die in ihre Sicherheit investieren, dafür Arbeitsplätze bei sich sehen. Jeder Ministerpräsident, jeder Premierminister und jeder Verteidigungsminister achtet darauf, dass das vernünftig läuft – und ich glaube, das läuft bereits sehr gut.
Wir müssen aber nicht nur europäisch denken, sondern sogar global. Bundesverteidigungsminister Pistorius war vor zwei Wochen in Australien und hat sich unser dortiges Werk angesehen. Und in Kanada, nahe Montreal, haben wir mittlerweile über 500 Beschäftigte. Wir denken also wirklich global. Die deutsche Politik unterstützt das, und ich bin sehr dankbar, dass wir mittlerweile deutlich bessere Exportgesetze haben und bei Entscheidungen viel schneller geworden sind. Die Partnerländer warten darauf, dass deutsche Technologien bei ihnen implementiert werden können – und das nachhaltig.
Kögel: Die zweite Frage hängt inhaltlich damit zusammen: die Resilienz der Verteidigungsindustrie. Also die Fähigkeit, gerade in Krisen und im Kriegsfall nicht nur weiter zu funktionieren, sondern sogar noch aufzuwachsen. Was sind für Sie als größtes deutsches Verteidigungsunternehmen die größten Herausforderungen?
Papperger: Die größte Herausforderung ist die Lieferkette. Wir bei Rheinmetall machen jede Woche eine Analyse unserer weltweiten Lieferkette – sehr transparent. In enger Abstimmung mit dem Ministerium entscheiden wir, wo wir Lagerbestände aufbauen müssen und wo nicht.
Die Lösung ist klar: Bei seltenen Erden zum Beispiel braucht man mindestens zwei oder drei Länder, aus denen man dasselbe Gut beziehen kann. Das ist teuer, weil man mehrere Lieferanten qualifizieren muss. Aber wir haben das konsequent angegangen. Ein Beispiel: Linters sind ein kritischer Rohstoff für die Pulverherstellung. Wenn China morgen nicht mehr liefert, brauchen wir andere Quellen. Daher bauen wir nun ein eigenes Linters-Werk auf und beziehen die Baumwolle dafür dann aus Australien, Argentinien oder Brasilien.
Wir sind bei Rheinmetall, was diese Analysen betrifft, mittlerweile auf der Ebene Tier 5. Bis in jede Mine kommen wir nicht, aber wir sind sehr unabhängig aufgestellt. Dazu haben wir die Lager deutlich hochgefahren: Wir haben heute kritische Güter im Wert von rund 8 Milliarden Euro auf Lager. Gut für den Cashflow ist das nicht – aber es ist notwendig. Und es hilft auch, dass größere Konzerne mit ihren Beständen kleineren Zulieferern unter die Arme greifen können.
Kögel: Das ist teuer – die Diversifizierung, die verschiedenen Ursprungsländer. Wer bezahlt das eigentlich? Trägt das die Industrie, oder muss das der öffentliche Auftraggeber mitbezahlen?
Papperger: Ich glaube, dass die Preise sogar sinken werden. Bei Artilleriemunition sind wir heute bereits fünf bis sechs Prozent günstiger als vor fünf Jahren. Und zwar aus einem einfachen Grund: Langfristige Aufträge der Bundesrepublik Deutschland, der NATO und aller europäischen Staaten treiben die Preise nach unten, nicht nach oben.
Kögel: Sie sprechen ja fast jede Woche mit den Ukrainern. Was lernen Sie daraus – bezogen auf die Ausrüstung der Bundeswehr?
Papperger: Die Ukrainer sagen uns, was sie brauchen und sich wünschen. Was wir gelernt haben: Erstens ist der Bereich Automatisierung und autonome Systeme entscheidend – das beschäftigt alle auf unterschiedlichen Ebenen. Zweitens braucht man Wirkmittel: Artillerie, Langstreckenwaffen etc. Da haben wir in den vergangenen Jahren zu wenig gemacht und uns zu sehr auf nukleare Abschreckung verlassen. Das hat man jetzt schnell gelernt, und die gesamte NATO geht hier stark nach vorne.
Wenn Sie heute mit der Ukraine sprechen, ist Luftverteidigung ein weiterer ganz entscheidender Punkt. Und generell gilt: Es ändert sich sehr viel in kürzester Zeit. Drohnen sind heute ein sehr probates Mittel – zur Bekämpfung von ungeschützten Fahrzeugen und Personen. Vielleicht gibt es in drei, vier oder fünf Jahren ein Abwehrmittel, das so effektiv ist, dass wieder andere Systeme gefragt sind. Deshalb investiert Rheinmetall jährlich rund 600 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung.
Kögel: Wir sprechen von einer Verdreifachung des Investitionsanteils in sechs Jahren. Wie schätzen Sie die Herausforderungen dieses Hochlaufs für die gesamte deutsche Industrie ein?
Papperger: Die gesamte deutsche Industrie ist auf einem sehr guten Weg. Wir haben bei Rheinmetall ein Investitionsprogramm von 30 Milliarden Euro über sechs Jahre – das muss irgendwann natürlich auch zurükverdient werden. Aber die Basis ist da.
Wir bauen Drohnen seit 25 Jahren. Früher wurde eine pro Monat gebaut. Heute planen wir bei der FV-014 Stückzahlen von 40.000 bis 60.000, oder sogar noch mehr. Was wir in der Automobilindustrie gelernt haben, hilft uns dabei: Wir haben in unserem zivilen Bereich 70.000 Magnetventile am Tag für die Automobilindustrie produziert – ähnliche Elektronikkomponenten stecken in unseren Systemen. Wenn die Verträge da sind, ist das Upscaling kein Problem.
Kögel: Zum Abschluss eine persönliche Frage: Sie gehen mit Ihrem Engagement auch ins Risiko. Wie gleichen Sie 'Statesmanship' und unternehmerische Verantwortung aus?
Papperger: Das Entscheidende ist das Vertrauen, das in den letzten beiden Jahren zwischen Regierung und Industrie aufgebaut wurde. Wir handeln heute als Industrie oft basierend auf Handshake-Agreements, z.B. mit Ministern. Unser Werk in Unterlüß ist ein Investment von einer halben Milliarde Euro, ohne einen einzigen Vertrag zu Beginn. Der Vertrag kam später. Wenn dieses Vertrauen da ist, bekommen wir auch die nötige Geschwindigkeit.
Wir können nicht warten, bis Vertrag und Anzahlung da sind, bevor wir anfangen zu planen. Dann wären wir 2029 niemals fertig. Dieses Vertrauen – zwischen Soldaten und Industrie, zwischen Politik und Industrie – das ist die Basis. Und deshalb bin ich fest überzeugt: Das Projekt Deutschland, das Projekt Europa, die NATO wieder handlungsfähig zu machen und uns selbst zu schützen – unsere Kinder und unsere Enkelkinder – das funktioniert.
Kögel: Ganz herzlichen Dank für das Gespräch.